Tot und Sein im Hause Ponthal

Weißt du, ich mag alte Familienfotos. Die schau ich immer besonders gern und lange an. Sieh dir mal das an:

Das ist ein Foto meiner Vorfahren. Von dort stamme ich väterlicherseits ab. Nicht einmal die Kinder leben mehr.
Wenn ich das Bild betrachte, die Kleidung der Leute, das Holz der Fassade, die Fenster, dann kommt mir alles so vertraut vor, obwohl ich nie auf diesem Hof gewesen bin. Mir ist, als würde ich genau wissen, wie es im Haus riecht, wissen, wie sich das Gewand der Menschen anfühlt, die Schuhe. Ich kenne ihre Sorgen, es ist kühl, unfreundlich draußen, der Boden matschig, mir hängt der Rotz aus der Nase, die Schule interessiert mich einen Scheißdreck.
Ich bin ein Teil von ihnen.

Oder sieh dir das Bild an:

Anscheinend eine Hochzeit – alle tot.
Mein Blick schweift über die Gesichter dieser Menschen, ich versuche, ihre Gedanken und Gefühlsregungen zu erahnen. War die Frau links hinten, die das Glas hebt, eine Stimmungskanone? Schaut der Bräutigam so verzwickt aus der Wäsche, weil er an die Hochzeitsnacht denkt? Oder wollte er eher die Frau  heiraten, die hinter ihm steht? Ist er betrunken? Sind die beiden Männer neben dem Bräutigam seine Väter? Was für hübsche Bärte sie haben!

Ein etwas neueres Bild:

Noch nicht alle tot.
Kinder aller Arten. Fröhlich, schlimm, rachitisch, hoffnungsvoll, lebending, von Rückschlägen gezeichnet.

Was mich so fasziniert an solchen Fotos ist die Tatsache, daß sie einen ganz kurzen und bestimmten Ausschnitt der Geschichte darstellen. Für uns bloß ein Foto, für die Menschen damals, das JETZT. Alles auf diesen Fotos hatte seine Ursache, seinen Grund. Jeder Grashalm, jedes Haar, jedes Fältchen, Grübchen, Blick, alles war wichtig und ist nun verloren – und doch die Grundlage für JETZT.

Ich aas – und auch meine Mittagessenfotos werden eines Tages jemanden genauso faszinieren:
1 Brot
1 Käse
1 Wiener Gabelbissen
1 Kronprinz Rudolf

…. wenn sie nur nicht dauernd in der Luft hängen bleiben würden, verdammtes Handy ….

Am kalten Polar

Das ist der Eisbär, den die Nachbarin mir geschenkt hat:

Durch die großartige Mithilfe meiner nicht minder großartigen Leserschaft (mittlerweile 3 Stammleser!) kam nun Licht ins Dunkel. Der Grund, weshalb ich für die Nachbarin ein Eisbär bin, wäre gefunden.

  1. Mir steht ins Gesichtgeschrieben, daß ich aussterbe, weil meine Welt wegschmilzt.
  2. Ich habe ein weißes Fell.
  3. Ich habe einen Eisbärschwanz.
  4. Ich muß nicht weinen, weil am kalten Polar ist alles klar.

Denken off.

Ich aas Reste, weil es ist in der Wohnung schon kalt genug. Schritte ich hinaus, würde ich zusehens abkühlen und selbst als Eisbär in Wien erfrieren.

Ich aas:
1 paar Nüsse
2 Kronprinz Rudolf Äpfel
1 Stück Käse

Mondgeheul

Wenn du lange genug suchst, gibt es FÜR UND GEGEN jeden Scheißdreck auf dieser Welt eine wissenschaftliche Studie. Kaffee ist gesund, belegen die einen, Kaffee macht krank, belegen die anderen Wissenschaftler. Mir ist das schnurzegal, was die Wissenschaftler sagen. Die sollen sich da ruhig ihr Wissen in rauhen Mengen schaffen, doch mich beeinflußt das nicht. Ich weiß, was ich weiß.
Die Wissenschaft ist ein in sich schlüssiges System, doch daneben gibt es noch Millionen anderer Dinge. Eine Seifenblase unter unzähligen anderen, die durch den Himmel schweben, ist die Wissenschaft. Viel verdanken wir ihr, Gutes wie Böses, doch mein Lebensinhalt und Lebenshalt ist sie nicht. Denn in vielen Bereichen sind Wissenschafter wie Analphabeten, die ein Gedicht vor sich haben. Sie können zwar die Buchstaben zählen und sie abmessen, doch den eigentlich Inhalt des Gedichtes werden sie nie begreifen.

Der Einfluß des Mondes wird oft diskutiert. Es gibt Mondkalender, die dir sagen, wann du dir die Haare und dein Holz schneiden sollst, wie du dein Leben gestalten sollst. Oh ja, es gibt wissenschaftliche Studien, die das bestätigen, und – natürlich – gibt es welche, die das widerlegen. Mir sind Mondkalender schnurzegal, aber ich weiß, daß der Mond die Dinge beeinflußt.
Vor langen Jahren nämlich, als ich noch ein unternehmungslustiges Kerlchen war und unbedingt herausfinden mußte, wie die Welt funktionierte, begab es sich des öfteren, daß ich an kühlen Abenden zu Vollmond mit einem Schlafsack auf den nahen Berg wanderte, um dort die Nacht zu verbringen. Diese Nächte waren die aufschlußreichsten Nächte meines Lebens! Lag da unter einem einsamen Baume auf einer kleinen Anhöhe und versuchte zu schlafen. Es ging kaum. Der Mond sah mich an und ich sah den Mond an. Ich spürte seine Kraft, wie er mich in seinen Bann zog. Ich dachte an den Baum, unter dem ich saß und überlegte mir, wieviele solcher Nächte er wohl hier schon gestanden haben mag.

Versuche es selbst! Geh in die Nacht, ohne Handy, ohne mp3-Player, ohne Ablenkung und sei für eine Nacht ein Baum unterm Vollmond. Liefere dich dem Vollmond aus und sage mir dann, ob du nicht auch die Lust verspürtest, das bleiche Gesicht anzuheulen, dich auszuziehen und nackt um einen Baum zu tanzen.

Um das zu verkraften, aas ich:
1 Packung Rotwein
1 Käse
1 Kronprinz Rudolf Apfel
1 Brot

Rendezvous mit Nachbarins Tod

Es tat gut, den Schlaf nachzuholen. Gestern als die Sonne schon hoch stand (wenn man unter diesen Umständen von „hoch“ sprechen kann), erwachte ich quietschvergnügt. Grunzte, schlapperte, sapperte, suhlte mich in der verschlammten Bettwäsche. Der schlafraubende Auftrag war ausgeführt, es gab nichts zu tun. In Zeitlupe erhob ich mich, sackte gleich wieder zurück. Pochende Kopfschmerzen, ausreichend Schlaf nicht mehr gewöhnt. Schlief nochmal ein, schreckte nach kurzer Zeit hoch. Stand doch noch auf.
Mein Blick war ungewöhnlich scharf. Sah Dinge, die die letzten Wochen meiner Aufmerksamkeit völlig entgangen waren. Zum Beispiel der aufgerissene und achtlos zur Seite gestoßene Pizzakarton, aus dem die Pilze nur so hervoquollen. Gab ihm einen Tritt und verfrachtete ihn so hinters Bett. Zog mich an, so gut es ging, und wankte ins Kaffeehaus. Frühstück.

Am Abend hockte ich bei der Nachbarin. Sie sah fern. Ich verabscheue Fernsehen zu tiefst, doch sie sagte:
„Bleib hier, Matla. Spielt einen schönen Film. Rendezvouz mit Joe Black.“
Ich hatte keine Ahnung, was das war, wußte nicht auf was ich mich einließ. Doch aus irgendeinem Grunde zog mich die Werbung in ihrem Bann, ich blieb. Rutschte ganz nah zur Röhre, konzentrierte mich, versuchte jedes auch noch so kleine Detail wahrzunehmen, zu speichern. Machte das auch beim Film – die Werbung war besser.
Rendezvous mit Joe Black. Ein unbeholfener, saumieser, blonder Schauspieler, abgelecktes Arschgesicht, und eine Schauspielerin, der ich am liebsten die Fresse poliert hätte – sie sah aus, als würde sie jeden Moment in einem Heulkrampf zusammenbrechen.

Danach hatte ich mit der Nachbarin viel Freude. Uns beide machte die Vorstellung an, mit dem Tod zu ficken.

Ich aas:
1 Kronprinz Rudolf
1 Bresso
2 Brot

Der Kronprinz ohne Hirn und Adel

In Kürze werde ich einem Attentat zum Opfer fallen. Die Nachbarschaft ist ein Krisenherd, ein Pulverfass, die Konflikte spitzen sich zu.
Erinnerst du dich trotz deiner Demenz an den Stoßstangenfetischisten? Das war der seltsame Mensch, der mir durch Lügen und falsche Zeugen eine Strafe besorgte. Das war vor knapp einem Jahr und seither passieren seltsame Dinge mit meinem Auto. Regelmäßig neue Kratzer im Lack, Zigarettenstummel auf der Windschutzscheibe und Schrauben im Reifen. Die Kratzer sind mir scheißegal, die verbrannten Scheibenwischer ebenfalls, nur die Reifen… das ist blöd. Ein Auto fährt auch mit Kratzern und mit kaputten Wischern, doch mit einem Platten fahren… das geht nicht.
Genauso wie ich damals auf die dummen Briefe des Stoßstangenfetischisten reagiert habe, reagiere ich nun auf seine Aktionen gegen mich. Nämlich überhaupt nicht. Das ist Kindergarten, weißt du? Wo bleibt da sein Stolz, sein Selbstwertgefühl als Mann, seine Ehre?
Seit einer Woche dürfte dieses Waserl wohl ein neues Opfer haben. Aber eines, das wie er ist! Das Auto des Stoßstangenfetischisten hatte vor ein paar Tagen einen zerquetschten Cremekuchen auf der Windschutzscheibe kleben und heute, als ich zu Billa einkaufen latschte, sah ich eine mit Lackstift gemalte Karrikatur auf seinem Auto. Das Gesicht eines Schweines. Was mußte ich lachen! So sieht er tatsächlich aus! Ich hoffe, dem Typen ist klar, das ich da nicht meine künstlerischen Finger im Spiel habe.

Auf dem Nachhauseweg kam er mir entgegen. Und da merkte ich einmal mehr, was er für ein Mensch ist. Ich sah ihm in die Augen, fixierte ihn und er, was tat er? Er wich meinem Blick aus, bekam eine rote Birne und machte einen großen Bogen um mich. So handelt kein Mann, nur Menschen ohne Ehre handeln so.
Ich kann mich also auch weiterhin auf Überraschungen freuen.

Ich aas:
1 Bresso
1 Kronprinz Rudolf Apferl – die vielen Kronprinz Rudolf Äpfel der letzten Wochen machen mich stark und klug – meine Zähne wachsen wieder
1 Brot
1 Dillsenf
1 Käse

Gute Mundmatschmischung

Bei meiner Nahrungseinnahme hüfpen mir ständig ungustiöse Teile derselbigen aus dem Mund. Ich denke, ich bin zu hektisch. Ich stopfe mir zuviel auf einmal ins Maul. Und dann, genau dann, fallen mir so viele Dinge ein, die ich gerade sagen wollte. Meine nähere Umgebung sieht nach dem Mittagessen aus, als wäre es explodiert.
Der Chef des Nachtcafes, in dem ich auch gestern wieder war, schleicht sich, wenn ich esse, von hinten an und sobald mir das guteingespeichelte Futter aus dem Gesicht fällt, springt er vor und fragt: „Schmeckts?“ Und dabei grinst er mich stets mit Haß in den Augen an. Klar, er muß es ja putzen.
Ich hab ihm schon so oft gesagt, er soll das lassen! Das ist ihm egal, aber zumindest sucht er nach seinem Spruch sofort das Weite, denn er ist wäre genau der, dem ich meine Einfälle mit vollem Mund erzählen würde. Und er weiß das.

Ich aas:
1 Mischung, die guten Matsch im Mund ergibt

Oben-Ohne-Bar

Bin gestern in die Obenohne-Bar gefahren. War schon über ein Jahr nicht mehr dort. Es hat sich nichts verändert.
In die Obenohne-Bar gehe ich nur am Sonntag, spät am Abend. Warum? Das ist der traurigste Tag. Von Donnerstag bis Samstag sind mir zuviele Leute mit guter Laune dort. Ich meine die, die während der Woche mit toten Fratzen hinterm Schreibtisch hängen und mit zunehmendem Nahen des Wochenendes glücklich werden, zu leben beginnen, die Partypeople. Die sitzen dann unruhig in der Obenohnebar, grinsen dämlich, reissen blöde Witze und sind ganz hysterisch, weil sie etwas „Verbotenes“ tun.
Am schlimmsten ist es, wenn im Winter ganze Belegschaften von Firmen in die Bar krachen, die abgeleckten Arschgesichter in Anzügen mit ihren durchgefickten Stelzenhopsern. Dann überschlägt sich das Gegrunze der Männer und das Gekichere der Frauen. Manche sind zu feige, der Kellnerin auf die Titten zu schauen, andere wiederum scheinen noch nie Titten gesehen zu haben.
Am Sonntag ist das anders. Am Sonntag hocken nur mehr die echten Looser in der Obenohne-Bar. Die, denen schon alles egal ist, die, die alles hinter sich haben, die alles aufgegeben haben, die nur mehr darauf hoffen können, irgendeinen Ansatz von Reiz an ihrer tauben Seele zu spüren. Da muß ja noch was da sein, verdammt! Zu denen geselle ich mich gerne.
Gestern jedoch war die Chefin der Obenohne-Bar da. Ich kenne sie inzwischen ganz gut. Früher war sie selbst Kellnerin in dieser Bude, dann hat sie den Chef gevögelt, irgendwann Heirat und jetzt macht sie den Papierkram im Büro. Wir beide haben uns schon immer gut verstanden, kann gut sein, daß wir mal was miteinander hatten. Ihre Titten will sie mir trotzdem nicht mehr zeigen.
Die Chefin kramte eine fast volle Flasche Lacrima Cristi, die schon ewig offen war und die keiner mehr saufen wollte, hervor. Diese unter anderem haben wir gestern gemeinsam geleert.
Ich bin spät nach Hause gekommen.

Hat mich der Kater im Banne, bin ich ziemlich planlos. So habe ich mir heute gedacht, ich mache mir Toast Hawaii. Womit ich das Ding erhitzen soll, ist mir jedoch schleierhaft.

Ich aas:
1 Sandwich Hawaii – zum Toast reichts nicht

Grüne Filterbienen

Es ist schon wieder passiert. Jemand ist böse auf mich, weil ich ihn auf der Strasse scheinbar absichtlich ignoriert habe. Es tut mir (naja) leid und ich kann es erklären:
Es passiert immer wieder, daß ich auf der Strasse an Leuten vorbeirenne, mit denen ich eigentlich täglich zu tun habe, ihnen ins Gesicht schaue und nicht reagiere. Ich tue das nicht absichtlich! Es ist so, daß ich in meinem Gehirn eine Art Filter installiert habe, der nur gewisse Dinge durchläßt bzw. sogar verändert. Oft geschieht es daher, daß ich zur Stoßzeit durch menschenleere Straßen wandele und in leeren U-Bahnen fahre. Dieser Filter funktioniert sogar so gut, daß ich, wenn ich in besonders häßlichen Teilen der Stadt bin, auf grünen Wiesen mit summenden Bienen herumhüpfe. Also kann es leicht passieren, daß auch Menschen weggefiltert werden, die ich vielleicht sogar gut leiden kann.
Also bitte, kostspieliger beschaffenheitskopierter Entlüfter, wenn du mich auf der Straße siehst und es dir wichtig ist, daß ich dich grüße, dann remple mich an, verpaß mir einen Fußtritt oder spuck mir ins Gesicht –
dann schaltet sich der Filter aus.

Ich esse:
2 Semmeln mit Farmerschinken, Käse und Gurkerl
1 Stange merci Pur – Mandel Sahne. Als Dankeschön, daß
du mir so schnell verzeihst.