Französische Arbeit

(Inhaltsverzeichnis)

Ich dachte jedoch nicht immer so. Nein, nein. Es gab auch eine Zeit, während der mich der Gedanke faszinierte, einen Vollzeitjob in einem Büro zu haben, mit Kollegen gut auszukommen, mit ihnen nach der Arbeit auf ein Bier zu gehen, den ganzen Scheiß mitzumachen. Doch bereits nach kurzer Zeit war ich mit den Nerven völlig am Ende. Ein paar aufdringliche Gutmenschen im Büro bemerkten das und überredeten mich zu einem Kurzurlaub in Frankreich.
Es war in Paris, als wir in einem Lokal saßen und draußen die Hölle losbrach. Den ganzen Tag schon spürten wir das Knistern der Stadt. Jede Menge Polizei war zu sehen, Straßen wurden gesperrt, Hunde bellten und nun ging‘s los! Schreiende Menschen mit Transparenten in den Händen zogen am Lokal vorbei! Ich verließ meine Kollegen mit einer Flasche Bier in der Hand und schloss mich einer kleinen tobenden Menge an. Keine Ahnung, worum‘s ging, die Sprache verstand ich nicht und es war mir auch egal.
Neben mir lief ein Mädchen, das mir gefiel. Sie stellte genau das dar, was ich mir immer unter einer typischen Französin vorgestellte: überhaupt nicht auf den Mund gefallen und immer für einen kleinen Fick zu haben. Um die Aufmerksamkeit des Mädchens zu erregen, legte ich mich ganz schön ins Zeug. Ich brüllte wie ein Irrer herum, indem ich ihre Schreie nachahmte. Zuerst bemerkte sie mein Engagement wohlwollend und sah mich mit einem verschwörerischen Blick an, doch das hörte auf, als sie ein paar Leute traf, die sie kannte. Die Französin stellte sich zu ihnen neben eine Telefonzelle. Um nicht in Vergessenheit zu geraten, warf ich mit lautem Gebrüll meine Bierflasche in eine Menge von Polizisten, die in einiger Entfernung irgendwas bewachten. Das Mädchen hatte das leider nicht bemerkt, die Polizisten schon. Sie formierten sich und begannen auf die Demonstranten einzuprügeln, es entstand ein hübsches Gemetzel. Die Französin und ihre Freunde hämmerten nun auf die Scheiben der Telefonzelle ein und beschimpften die Polizisten, die ordentlich Schläge austeilten. Das war meine Chance. Ich schnappte mir von einem nahestehenden Baugerüst einen ungefähr zwei Meter langen Holzpfosten und lief damit, ihn wie eine Lanze vor mich haltend, mit aller Kraft in die Telefonzelle, die nun völlig im Arsch war. Zwar rammte ich mir ein gutes Stück Holz in die Innenseite meines Oberarmes, aber dafür lud mich nun das Mädchen mit einer Handbewegung ein, gemeinsam mit ihr und ihren Freunden vor der Polizei davonzulaufen. Ich hatte schon einiges an Erfahrung mit Demonstrationen und den gewalttätigen Ausschreitungen danach, aber das in Paris erinnerte mich eher an Bürgerkrieg.
Es wurde ein herrlicher Nachmittag. Am Abend versorgten wir gut gelaunt unsere Verletzungen, die wir von den Schlagstöcken der Polizei bekommen hatten, die Bisswunden von den Hunden und waren bald wieder auf der Straße, um uns die brennenden Autos anzusehen. Es war wie Weihnachten.
Zurück in Wien jagte ich diese „Kollegen“ und das Büro zum Teufel und kündigte.

Am Abend

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Am Abend latsche ich manchmal in die Obenohnebar. Wenn die stressige Arbeit getan ist, wenn die Schufterei ein Ende hat, dann hab ich mir das verdient. Ein bisschen ausruhen, entspannen.
Ich hock mich aber nur an ausgesuchten Tagen in die Obenohnebar. Am liebsten eigentlich am Sonntag. Das ist der traurigste Tag von allen. Von Donnerstag bis Samstag sind mir zu viele Leute mit zu guter Laune dort. Das sind die, die während der Woche mit eingeschlafenem Gesicht hinterm Schreibtisch hängen, sich am liebsten aus dem nächsten Fenster stürzen würden, alle anschnauzen, aber mit zunehmendem Nahen des Wochenendes wieder zu umgänglichen Menschen werden und aufwachen. Die sitzen dann unruhig in der Obenohnebar, wetzen mit ihrem Arsch den Überzug der Barhocker ab, grinsen dämlich, reißen blöde Witze und sind ganz hysterisch, weil sie vielleicht etwas tun, was Mama verboten hat.
Am schlimmsten ist es, wenn im Winter ganze Belegschaften von Firmen in die Bar krachen, die erwähnten abgeleckten Arschgesichter mit Anzug und Krawatte mit ihren durchgefickten Stelzenhopsern, völlig überdreht. Dann überschlagen sich das Gegrunze der Männer und das Gekicher der Frauen. Manche sind zu feige, der Kellnerin auf die Titten zu schauen, andere wiederum tun so als hätten sie noch nie Titten gesehen, oder sie scheinen überhaupt in einen embryonalen Zustand zurückversetzt zu werden.
Am Sonntag ist das anders. Am Sonntag hockt nur mehr der letzte Abschaum in der Obenohnebar herum. Die, denen schon alles egal ist, die, die alles hinter sich haben, die, die am Montag das Gleiche tun wie am Sonntag, die alles aufgegeben haben, die nur mehr darauf hoffen, irgendeinen Ansatz von Reiz an ihrer tauben Seele zu spüren. Da muss ja noch was da sein, verdammt!
Und dann, dann beginnt die große Show! Wenn die Musik losdröhnt, die Lichter angehen und die Mädels aus der Finsternis springen und an ihren Stangen losturnen, da geht er ab. Mein Film. Mein ganz persönlicher Film. Sitze da, meine Augen auf die hüpfenden Ladys gerichtet… und bin doch ganz woanders. Seltsame Szenen laufen ab, Gedanken von irgendwann, irgendwo, vor langer Zeit, ein Paralleluniversum? Bilder blitzen durchs Gehirn, Stimmen fahren mich an, Gesichter tauchen auf – wer ist das? – Blut spritzt, Menschen schreien und gehen ein. Ich kann nichts dagegen tun, muss trinken, das Gehirn überlisten; und stecke dem Girl was ins Höschen.

Nachbarin I

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Es läutete, ich schreckte hoch, musste wohl geträumt haben. Schwankend öffnete ich die Tür.
„Kann ich bei dir duschen?“
Nein. Ich warf die Tür zu. Es war die Nachbarin.
Ich latschte zum Kühlschrank und schnappte mir ein Bier. Patzte mir beim Öffnen die Socken voll. Ging zum Fenster, zündete mir eine Zigarette an und versuchte, die Kratzgeräusche, die die Nachbarin da draußen an der Tür verursachte, zu ignorieren.
Ich beobachtete im Baum einen Vogel, der einen anderen Vogel vergewaltigte. War etwas verkatert. Das Kratzen an der Tür nahm kein Ende. Jetzt trommelte sie mit ihren Fingernägeln an die Tür. Wieder ging die Glocke mit ihrem schrillen Schrei los.
„Also was ist?“, fragte ich die Nachbarin durch die geschlossene Tür. Ich spähte durch den Spion und bemerkte erst jetzt, dass sie mit einem Bademantel bekleidet war und auf dem Kopf irgendein Handtuch zu einem Turban verdreht hatte.
„Ich hab wieder Probleme mit dem Wasser und wollte dich fragen, ob ich bei dir duschen kann!“, krächzte sie mit verschlagener Stimme, „Komm schon, Matla, hier zieht’s!“
Es gibt zwei Kategorien von Menschen. Die, vor denen man ewig Ruhe hat und die, die vor der Tür stehen.
„Na gut, komm rein.“ Ich bin ja kein Unmensch. „Und mach’s kurz.“
Ich öffnete langsam die Tür und die Nachbarin hopste schnell durch den noch kleinen Spalt herein, so als fürchtete sie, ich könnte es mir von einem Moment zum nächsten anders überlegen. Und da hatte sie nicht Unrecht.
„Wie geht’s denn, Matlachen?“ Sie wollte mir einen Kuss aufdrücken, doch ich zog meinen Kopf mit einer Drehung gekonnt aus der Schlinge – ich glotzte besorgt auf die Uhr und tat so, als hätte ich es eilig.
Sie spazierte ins Wohnzimmer, sah sich um, tanzte dabei fröhlich im Kreis herum und zählte mir auf, was sich seit ihrem letzten Besuch in meiner Wohnung alles verändert hatte. Es handelte sich jedoch meist um Dreck.
„Schau bitte weg!“, sagte sie, machte Anstalten ihren Mantel zu öffnen und blickte mich dabei provozierend an.
Ich drehte mich schnell zu meinen Pflanzen und schaltete die Wachstumslampe ab. Die Nachbarin hatte heute wieder besonders gute Laune.
„Hast du heut überhaupt noch warmes Wasser?“
„Weiß auch nicht. Die Badewanne jedenfalls geht noch immer nicht. Musst die Dusche nehmen.“, sagte ich und fühlte meinen Puls an der Halsschlagader. Ich drehte die Wärmelampe wieder auf und zupfte etwas an den Blättern herum. Das ist alles, was einem in meinem Zustand bleibt.
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich die Nachbarin nackt ins Badezimmer verzog, ihr Bademantel blieb leblos am Boden im Wohnzimmer liegen. Ich machte einen kräftigen Zug am Tschick und versuchte, mich zu entspannen.
Ich hörte, wie die Nachbarin einen angewiderten Schrei ausstieß.
„Sag mal, baust du in der Badewanne noch immer dieses widerliche Zeug an?“, rief sie.
„Reis. Es ist Reis.“, murmelte ich in mich hinein. Jede Erklärung war überflüssig, sie würde das nächste Mal wieder davon anfangen.
Ich stellte mich zum Fenster, kratzte einen Fliegenschiss weg, der mir dabei fast ins Auge gehüpft wäre, und suchte einen freien Platz im Aschenbecher. Mit dem Daumen zerquetschte ich den Tschickstummel. Wir alle waren nur ein Fliegenschiss auf der Erdoberfläche.
Bald darauf ging das Wasser an. Es war nicht zu überhören. Egal wer in diesem Haus den Wasserhahn aufdrehte, er setzte ein unglaubliches Inferno an Geräuschen in Gang. Einen kontinuierlichen, gehirnzerfetzenden Pfeifton und heftiges Rumpeln. Niemand konnte es sich erklären. Ich stellte mir immer vor, wie auf Grund der durchgerosteten Rohrleitungen aus dem zweiten Weltkrieg Teile der Zwischendecken geflutet wurden und das kochend heiße Wasser die fetten Ratten in Panik um ihr Leben rennen ließ.
Das Warten wurde mir bald langweilig. Scheinbar war noch genug warmes Wasser vorhanden, denn die Nachbarin ließ sich Zeit bei ihrer Dusche. Ich suchte mein Handy und ging damit leise zur Badezimmertür. Sie war nicht geschlossen. Ich drehte das Mobiltelefon langsam in meiner Hand und überlegte, ob ich ein Foto schießen sollte. Nein, es würde sich wahrscheinlich keiner an diesem Anblick erfreuen. Stattdessen wählte ich die Nummer der Nachbarin. Der Bademantel im Wohnzimmer klingelte. Scheißklingelton.
„Mein Handy läutet, Matla. Bringst du’s mir?“
Ich nahm den Bademantel und durchsuchte ihn. In der linken Tasche fand ich das Telefon, drei Tabletten, eine davon gelb, und ein mittelgroßes Zäpfchen. In der rechten eine Haarbürste und ein grünes Höschen. Ich ging zur Badezimmertür zurück.
„Na komm schon! Gib‘s mir rein! Schnell!“, rief sie mir in einem einladenden Tonfall zu.
Ich wartete bis das Handy der Nachbarin von selbst zu läuten aufhörte. Ehrlich ein Scheißklingelton. Einer von denen, die dich ins Irrenhaus bringen.
„Na geh! Was bist du nicht reinkommen und hast es mir gegeben, Matla?“
Ich weiß nicht, die Nachbarin ist eine Art Exhibitionistin.
„Du bist heute wieder mal sehr komisch, Matla!“, seufzte sie und drehte das Wasser ab. Das Pfeifen und das Rumpeln hörten sofort auf. Man konnte richtig spüren, wie sich die Nerven eines ganzen Hauses beruhigten.
Ich ging aufs Clo und blieb dort bis ich sicher war, dass die Nachbarin wieder ihren Bademantel anhatte.

Ich beobachtete sie, wie sie sich mit dem Handtuch, das ihr vor der Dusche als Turban gedient hatte, heftig die Haare abruppelte und danach in erstaunlich kurzer Zeit mit einer Bürste wieder Ordnung in dieses Chaos brachte.
„Hast du was zu trinken, Matlachen?“
„Ja, etwas Wein. Aber ich muss dann noch arbeiten, du wirst also bald gehen.“, sagte ich. Ich angelte ein Glas aus dem Misthaufen in der Spüle, wusch den gröbsten Dreck ab und schenkte der Nachbarin ein Vierterl ein. Sie nahm es dankbar an und machte einen kräftigen Schluck. Dann schnorrte sie sich noch eine Zigarette.
„Matlachen, ich hab einen Psychotest für dich gemacht.“, eröffnete sie und legte sich mit einem kecken Blick aufs Sofa.
„Hm, Psychotest für mich gemacht. Versteh ich nicht.“ Ich versuchte mich zu konzentrieren.
„Jaja, du bist ein sogenannter ‚Verträumter Individualist‘, mein Lieber. Ja, so schaut’s aus!“, kicherte die Nachbarin. Sie rückte ihre Titten zurecht, die aus dem Bademantel zu rutschen drohten.
„Blödsinn. Ich bin doch nicht verträumt! ‚Verkappter Kommunist‘ würde besser zu mir passen!“, ich lachte spöttisch – aber nur kurz, denn Politik war mir eigentlich schnurzegal. „Du, ich glaub, du kannst nicht einfach hergehen und einen Psychotest für andere Leute machen. Das geht nicht. Du kannst für mich vielleicht den Müll runter schleppen, aber du kannst für mich keinen Psychotest machen. Du kennst mich ja gar nicht in Wirklichkeit.“
„Ich kenne dich besser als du denkst. Nach all den Jahren! Matlachen, ich bitte dich!“
„Hör auf mit dem ‚Matlachen‘, das geht mir auf den Sack!“, maulte ich.
Jahre! Ich trank mein Glas mit einem Riesenschluck aus – was auch schlagartig meinen Kater in Luft auflöste – und schenkte mir und der Nachbarin noch nach. Langsam besserte sich meine Stimmung.
Ich sagte:“Weißt du, ich hab auch mal so einen Test gemacht.“
„Ja?“
„Ja.“ Ich ließ mich mit einer neuen Zigarette ins Fauteuil fallen. „Und zwar einen Autismustest.“
„Echt? Für mich?“, fragte die Nachbarin.
„Nein, für mich. Und zwar sind irgendwelche Forscher draufgekommen, dass die Grenze zwischen Autismus und Nicht-Autismus ziemlich wässrig ist. Man kann nicht sagen, der ist ab dem und dem Zeitpunkt Autist oder der ist keiner. Weißt du? Kann also gut sein, dass wir beide ziemlich autistisch sind und keiner merkt’s. Meine Punktezahl bei diesem Test jedenfalls war eher hoch. Was bedeutet, dass ich ein ziemlicher Autist bin.“
Schlagartig verstummte die Nachbarin ob dieser neuen Informationen. Man konnte geradezu ihre Gedanken rasen hören, wie sie versuchte, ihre Welt neu zu ordnen, mich in einer anderen Schublade unterzukriegen.
Eine Weile saßen wir einfach nur da, tranken, ich konnte es dennoch nicht genießen.
„Schenkst mir noch nach?“, unterbrach die Nachbarin die Stille geistesabwesend. Sie sah noch immer mit gefurchter Stirn in ihr Weinglas und versuchte aus mir schlau zu werden.
Gut. Arbeiten konnte ich heute sowieso vergessen und Lust hatte ich auch keine mehr. Wir tranken außerdem schnell. Das bedeutete nichts Gutes.
„Aber nachher musst du wirklich gehen. Ich muss echt noch was hackeln, sonst bekomm ich Ärger.“ Und während ich routiniert die Gläser füllte, erzählte ich noch mehr.
„Weißt du, die Geschichte geht ja noch weiter. Da gibt’s eine leichte Form des Autismus, das sogenannte Asperger-Syndrom. Mangelndes Interesse an sozialem Umgang, Unfähigkeit im sozialem Verhalten, eigenartig starrer Blick und sowas. Es fällt vielleicht gar nicht jedem auf, nur den engsten Verwandten. Hab da bisschen was gelesen darüber. Trifft irgendwie vieles auf mich zu.“
„Hm, ja. Irgendwie schon. Jetzt wo du es sagst.“, murmelte die Nachbarin nachdenklich.
„Aber das wichtigste an diesem Asperger-Syndrom ist, dass man in irgendeinem Bereich eine extreme Gabe hat. Man ist da das volle Genie. Weißt du? Man kann Dinge, die sonst keiner kann. Man versteht Dinge, die sonst keiner versteht. Und es gibt da nicht wenig Prominente, die das haben. Oder hatten. Und ich habe dazu auch eine eigene Theorie…“
„Wirklich? Wer hat das zum Beispiel?“, interessierte sich die Nachbarin.
„Naja. Beethoven, Mozart, Kafka, Thoreau, äh….. Einstein, Edison, Bill Gates und…. ja auch Bob Dylan. Und viele mehr. Die alle haben die Welt irgendwo stark beeinflusst. Musikalisch, künstlerisch, technisch, philosophisch, was auch immer. Diese Asperger-Syndrom-Typen haben…. andere Gedanken….. Die sehen die Welt aus einer völlig anderen Perspektive und können da ansetzen. Verstehst du mich? Und ich sag dir noch was. Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, die Menschen würden noch immer in Höhlen sitzen und Steine klopfen, wenn es keine Autisten gäbe. Ich glaube, die Autisten haben die Welt zu dem gemacht, was sie heute ist. „
„Hm. Das ist deine Theorie?“
„Genau.“
„Klingt aber nicht sehr plausibel, Matla. Du erzählst mir da schon wieder irgendeinen Scheiß.“
„Warum? Du weißt doch, vor ein paar tausend Jahren gab es da diesen plötzlichen Sprung, den die Menschheit gemacht hat. Zuerst Jäger und Sammler und dann, Peng! , Ackerbau und Viehzucht. Ich sag dir, irgendein Asperger-Genie hat sich damals einfach gedacht: ‚Hey, wir sind eigentlich Idioten. Jagen da den Mammuts nach, suchen im Dreck nach Beeren. Wozu? Lasst uns doch einfach Spinat anbauen!“
Die Nachbarin lachte: „Und warum hast du mir da letztes Mal was von Außerirdischen erzählt?“
„Außerirdische? Ja, die haben die Menschen gezüchtet und ihnen die Autisten als geistige Führer gegeben.“ Ich fühlte meinen Puls an der Halsschlagader. Er raste, musste die Nachbarin schleunigst los werden. „Du, nach der nächsten Flasche gehst jedenfalls nach Hause.“

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Weltuntergangsmaschine

Hervorragend. Ich habe in der Anstalt die Weltuntergangsmaschine gefunden. Diese ist ungefähr so groß wie eine Mülltonne, ganz aus silbrig glänzendem Metall und beschriftet mit: „Vollständige Vernichtung von allem – mit 100% Sicherheit“ Geil oder? Ich hab auch schon erste Versuche angestellt. Papierschnitzel sind weg wie nix! Papierteller… weg! Kugelschreiber… weg! Da hörst du nur Schnatter-Schnatter-Schnatter und… weg! Selbst der eine Socken gestern, den ich zu viel anhatte… weg! Spurlos verschwunden! Bei einem Kaffeelöffel klingt das Ganze zwar schon etwas anders… Knirsch-Knirsch-Knirsch… aber trotzdem… auch er… weg! Ein Kaffeelöffel einfach dieser Welt entfleucht!
Das nächste Ding, das verschwinden wird, ist übrigens ein Besen. Ich weiß mittlerweile, wo die Putzmittel versteckt sind und wie ich in diesen Raum komme… ich stell mir das wie bei Soletti vor… Knabber-Knabber-Knabber und der Besen ist weg. Und irgendwann werden die ersten Mitarbeiter verschwunden sein… zuerst die, die jedem Menschen zu Mittag ihr „Mahlzeit“ aufzwingen. Dann die Scheiß-„Guten Morgen“-Grüßer und schließlich der Rest. Wenn ich Glück habe, entsteht dort irgendwann so eine Art Schwarzes Loch und es beginnt sich alles selbst zu verschlucken… hm, mal sehen. Muß man langsam angehen.

Ich aas:
1 EKG
2 KitKat mit drei Espresso

Rezept des Tages: Netkeks im bluesigen Herbstkretin

Bis heute konnte meine dunkle Seele vom Wochenende zehren. Einem Wochenende von Aussichtslosigkeit geschwängert, geboren aus der Verzweiflung, am Leben erhalten durch Agonie. Ich bin im Bett gelegen und hab mich durchgehend mit Netflix-Serien zugedröhnt. Mit grausamen Serien, in denen es den Menschen schlecht geht, in die Enge getrieben, ohne Ausweg, gefoltert, ermordet, dahinsiechend, unterdrückt, geschunden und vergewaltigt. Nach einigen Stunden des Schauens haben mich diese Eindrücke… in eine gewisse Zufriedenheit fallen lassen… diese Serien waren wie eine Bestätigung. Ja, die Welt ist grausam, ja, das Leben hart, ja, jeder Schritt nach vorn ist mit unendlicher Mühsal und Kummer verbunden!
Meistens enden diese Serien ja nie bzw. wenn, dann nur so wie es im richtigen Leben passiert. Man glaubt, alle Probleme seien nun gelöst, aber dennoch gibt es irgendwo noch diesen einen Cliffhanger, der dich mit dem Schwanz in der Hand stehen lässt und dir bestenfalls sagt, dass du das Schlimmste erst noch vor dir hast.

Während ich mich im Bett in meiner Herbstdepression suhlte, versuchte sich die Nachbarin im Weihnachtskeksebacken. Vier Sorten buk sie:

  • Vanilleengerlinge
  • Zimtfladen
  • Lebkuchenkretins
  • Gebrochene Herzen

Deine Aufgabe für heute: kannst du diese zuordnen?

Kleine Zusatzinformation am Rande: warum „Gebrochene Herzen“? Ein Biss in den Keks lässt diesen in tausend Stücke zerfallen.

Ich aas:
1 Kekschaos

 

Gehirnnerstag

Ich kam gestern etwas in Bedrängnis. Zuerst begann alles sehr… romantisch. Ich saß schon früh am Morgen in der weißen Anstalt… mutterseelenallein, wie schon die Tage zuvor… motiviert, inmitten frischer Luft, nirgends Leben… normalerweise menschelt es in der  weißen Anstalt nämlich sehr, weißt du, und das ist so abstoßend! Aber so hockte ich… ja… geradezu glücklich… an meinem Arbeitsplatz und träumte beim Fenster hinaus, stellte mir meine neue Karriere vor, ohne Menschen, in einem leeren Gebäude, glücklich, zum ersten Mal seit langer Zeit… glücklich… tatsächlich! Ein Hauch von Glück! In meinem sonst so tristen Dasein…
Doch leider. Leider leider leider. Zu bald läutete das Telefon:
„Matla! Wo stecken Sie? Schon wieder krank?“
„Wer spricht da?“
„Na, die Arbeit? Personalabteilung? Karin?“
„Wie ist das möglich! Es ist keiner hier!“
„Bitte? Sie sind nicht hier, Matla! Alle anderen schon!“
Mir wurde leicht schwindelig, bekam Zweifel. Traum, Delirium, Zeitreise, Dimensionssprung, Gehirntod, Aprilscherz?
„Mein Gott, Matla! Wissen Sie das etwa gar nicht… wir sind umgezogen!“
Jetzt wurde ich wütend. Während die Alte am Telefon mir die Ohren vollsuderte, überlegte ich. Ich wollte einerseits so gut es ging aus der Affäre aussteigen, mein Gesicht wahren, andererseits aber auch keine Schwäche zeigen.
„Nein, ich weiß es! Wollte nur noch schnell ein paar Dinge holen. Morgen komm ich ins neue Büro…“
„Nein, Matla! Jetzt! Sie kommen jetzt!“
„Pfuuuh, das muss ich mir noch überlegen… ich fahre so ungern mit öffentlichen Verkehrsmitteln…“
Die Stimme am Telefon überschlug sich, Krächzen, Krachen, die vollkommene elektronische Ekstase. Ich verstand kein Wort mehr und legte auf.
Seither bin ich daheim und warte auf eine Nachricht mit der neuen Adresse.

Und ich aas:
1 Brot mit Avocado + Salz + Zitrone

Soziale Selbsthilfe. Nur für dich.

Ja, die Selbsterkenntnis. Es ist ja nicht so, dass ich mich deswegen dauernd beschweren würde. Nein nein, ganz im Gegenteil! Zu wissen wie man tickt und wie man auf sein Umfeld wirkt, ist ja ungemein entspannend!  Ich weiß in jeder Situation, wirklich in jeder, was ich tun muss, damit alles reibungslos abläuft. Beispiel: wenn ich in ein Lokal gehe, setze ich mich sofort auf einen einsamen Barhocker im Dunkeln oder dorthin, wo die Musik am lautesten ist. So fühlt sich niemand genötigt, mit mir ein Gespräch anzufangen. Oder bei Parties… ich stell den Fernseher an und setz mich davor. Aus reiner Höflichkeit! Auf der Straße lasse ich meinen Blick stets in die Ferne schweifen. Aus zwei Gründen: erstens gebe ich damit Menschen, die versehentlich in meine Nähe gelaufen sind, die Chance, noch rechtzeitig das Weite zu suchen. Und zweitens erkenne ich schon frühzeitig, ob mir bekannte Gesichter entgegen zu kommen drohen. Nur um sofort die Straßenseite zu wechseln oder in einen Hauseingang zu verschwinden. Als Mitfahrer setze ich mich – besonders, wenn außer mir nur noch der Fahrer anwesend ist – genau hinter den Fahrersitz und positioniere meine Augen so, dass er, der Fahrer, mit mir weder über Rück- noch Seitenspiegel Kontakt aufnehmen kann. So sind alle am glücklichsten! Ich verwende auch Fahrstühle und Rolltreppen nur, wenn diese menschenleer sind. Ansonsten immer über die Stiegen, in einem Tempo, das sich von allen anderen unterscheidet. Im Supermarkt beginne ich meine Runde immer bei der Kassa. Wenn ich blogge, dann nur dort, wo es keine Leser gibt. Und so weiter und so fort… du verstehst schon. Ich bin hochempathischer Soziapath! All das tue ich nur für dich!

Ich aas:
1 Brot mit Salami und Weichkäse
1 Kronprinz Rudolf (herrlich!)

Selbsterkenntnis

Die weiße Anstalt will allen Kunden eine Weihnachtskarte mit einem Foto der Belegschaft schicken. Hmpf! Haha! (Ich lache und klatsche mir mit der flachen Hand so auf das Gesicht als hätte mir jemand eine aufgedröselte Bananenschale draufgeworfen.)
Das letzte Jahr bin ich ja davongekommen. Da war ich beim Fototermin zufällig… grade auf Rauchpause… irgendwo anders. Für die Unterschrift, die ein paar Tage später jeder Mitarbeiter auf alle fünfzig Karten kritzeln musste, hatte ich eine hervorragende, ja geradezu ideale Lösung. Ich schrieb nicht Matla, sondern Leckmi. Sieht im Unterschriftenstil genauso aus wie Matla. Drückt aber eher das aus, was ich empfinde.
Weil ich aber kein Unmensch bin – Weihnachten ist ja das Fest der Wirtschaft und von der hängt unser aller Arsch ab – werde ich noch einmal an die Intelligenz der Geschäftsführung appellieren: Gebt mich niemals auf ein Foto! Niemals! Zeigt niemandem, dass ich mit eurer Firma irgendetwas zu tun habe! Tut das nicht!
Ich weiß ja, warum… ich bin da ganz realistisch und brauche mir nichts schön reden. Wer mich sieht, denkt zu allererst, dass er mir eine betonieren muss. Ist so. Ist schlicht und einfach die natürliche Reaktion aller Menschen auf mein Erscheinungsbild. Und das war schon immer so. Es gibt ein Foto meiner Eltern mit mir in ihren Armen, gleich nach der Geburt im Krankenhaus. Noch nie habe ich enttäuschtere Gesichter gesehen. In der Schule der Klassiker. Immer der letzte, der in eine Mannschaft gewählt wurde. Wer mich sieht, weiß, dass man mit mir nichts gewinnt. Keine Spiele, keine Kunden, kein Geld. Alles, was man von mir ernten wird, ist bittere Enttäuschung. Niemals werden Erwartungen erfüllt. Niederlagen ohne Ende. Leid, nie enden wollender Kummer. Immer der, der niemals eingeladen wird, mit dem niemals jemand freiwillig ein Gespräch sucht.
So ist das.

Ich aas:
1 Knacker

Gehirndiktat

Mein Gehirn arbeitet wie ein Computer. Schnell und effizient. Leider hat dieser Computer sehr wenig Speicher. Um effizient zu bleiben, muss ich damit haushalten. Alles, was nicht direkt fürs Überleben notwendig ist, wird für immer gelöscht. Habe dir ja schon öfters von meinem tollen Gehirnfilter erzählt: ich gehe herum und nehme nur die essentiellen Dinge wahr. Ganz automatisch. Gehsteig, Ampel, gegnerische Verkehrsteilnehmer, Himmelsrichtungen, Sonnenstand. Nicht aber Männer, hässliche Frauen, Kinder und Tiere. Sag mir deinen Namen – er ist sofort vergessen. Ist praktisch. Ja! Bei Massenaufläufen, in der Arbeit. Überall eigentlich.
Dieser Filter hat jedoch seinen Preis. Am Wochenende wurde mir das erneut schmerzlichst… ja… buchstäblich vor Augen geführt. Irgendein lästiger Teil meines Gehirns nimmt die bewusst gefilterten Ereignisse des Tages doch unbewusst auf und – leider – in der Nacht werden diese Ereignisse während des Löschvorgangs nochmals wie ein Film abgespielt.
War am Samstag bei einer Veranstaltung in einer viel zu kleinen Örtlichkeit mit zu vielen Menschen. Von denen mir viel zu viele auch noch zu bekannt waren. Schon lange nicht mehr wurde mein Gehirnfiltersystem dermaßen beansprucht! Und glaub mir eines! Der Schlaf danach war die Hölle! Mehr ein Halbschlaf, in dem ich vor mich hin delirierte. Die Augen geschlossen und dennoch graue, gesichtslose Gestalten vor mir, die alle gleichzeitig auf mich einredeten. Ganz so wie es Menschen tun! Nur… was sie sagten, ergab keinen Sinn. Es klang wie Sinn, ergab jedoch keinen. Es waren nur Silben, durcheinander gewürfelt, ohne Bedeutung! Manchmal, wenn eine Gestalt eine freundliche, bräunliche Farbe annahm, gab ich mir Mühe, die Wörter zu verstehen. Keine Chance. Wollte sie anschreien. Geht weg! Geht weg!
Tja, ich gab auf und ließ es über mich ergehen.

Und – seltsam genug – jetzt erst erinnert mich das an die geniale „deutsche“ Ansprache des großen Diktators Charly Chaplin

Ich aas:
1 Topaz mit 2 Kaffee

Helgas Schläuche

Aber eigentlich waren wir ja bei Helga. Lass mich das kurz fertig erzählen.

Ich saß also in meinem Frust in der Scheißkrankenhauskantine, als plötzlich Helga mir gegenüber Platz nahm und sagte:
„Matla, du musst mich hier rausholen.“
Ich blickte sie stumm an… weißt du, ich tu mir in solchen Situationen so schwer… wenn ich beim Brandinesa auf Helga getroffen wäre, passt! Da gehört sie hin! Wie’s Eiter ins Wimmerl. Wenn ich aber Leute in ganz anderen Umgebungen treffe, dauert es dermaßen lange, bis ich verstehe, was passiert… das geht sogar so weit, dass ich Menschen nur dort wieder erkenne, wo ich sie kennengelernt habe.
Als mein Gehirn also endlich Helga erkannt hatte, wollte ich schon instinktiv nach dem Wirt schreien, weil am Tisch keine Getränke standen… aber wir waren ja in der Krankenhauskantine.  Helga selbst sah etwas mitgenommen aus. Ja, die aufgedunsene, rote Nase, die leicht herabhängende Unterlippe und das schüttere Haar… alles wie immer. Nur… die beiden Schläuche, die aus Hals und Schulter ragten und in einem kleinen Gerät zusammenliefen, das Helga umgehängt hatte, die waren neu.
„Woraus genau soll ich dich holen?“, fragte ich Helga.
„Aus dem Krankenhaus. Ich darf raus, wenn ich eine Begleitperson habe.“
„Was ist mit den ganzen Schläuchen, die aus deinem Körper hängen? Die werden ja wohl hier bleiben oder?“
„Matla, die kommen mit! Die leiten irgendeine Flüssigkeit ab und wenn ich auf dem Kasten hier auf diese Taste drücke, fließt Schmerzmittel in die Schulter. Es ist so leiwand!“
Hm, ok. Helga erklärte mir noch mehr… ich verstand zwar nicht genau, warum Helga mit Schläuchen in der Schulter herumlief, aber letztlich schien mir alles reichlich plausibel zu sein.
„Ja, gut“, sagte ich, „wo muss ich unterschreiben?“

Ich aas:
1 Teller Spaghetti Bolognese, die irgendwer in der weißen Anstalt übrig gelassen hat