Weg III

(Inhaltsverzeichnis)

Fast die ganzen Sommerferien blieb ich bei Onkel Ramón. Er erledigte seine Geschäfte und mich nahm er dabei mit. Wir fuhren durch halb Griechenland und schliefen jede Nacht in einem anderen Hotel. Tagsüber besuchte er Leute, während ich um den Wagen herumschlich und solange Steine nach dem Chauffeur warf, bis er mir nachlief. Abends gingen wir essen und danach in eine Bar. Wir saßen dann am Tresen und Onkel Ramón erzählte mir unverständliche Dinge aus seiner Kindheit in America Latina. Zwischendurch fragte er mich manchmal Sachen wie „Wie geht’s deiner Mutter, dieser Puta?“ oder „Was treibt deine Mutter, diese Puta, eigentlich den ganzen Sommer?“. Manchmal sprachen wir auch über andere Putas. „Gefällt dir diese geile Puta, Augusto?“ „Si, Onkel Ramón, geile Puta.“
In der letzten Woche meiner Sommerferien nahm mich Onkel Ramón auf seine Segelyacht mit. Ein Traum wurde wahr. Lange saß ich wohl mit offenem Munde herum und staunte über diese unendliche Flachheit der Welt. Mein Leben lang erdrückt von den Schatten der Berge und hier war einfach alles flach, flach und nochmal flach! Die Hitze außerdem brannte mir die Kälte aus den Knochen heraus.
Gezeichnet hatte ich ja schon genug Boote und nun endlich war ich selbst auf einem. Fasziniert ließ ich mir von Onkel Ramón alles erklären. Tatsächlich hatte jedes Seil, seemännisch Tau genannt, eine eigene Bedeutung! Wissbegierig beobachtete ich die Wirkung des Windes, das Spiel des Lichts auf den Wellen, die Farbe des Meeres, sog jede Einzelheit in mich auf. Onkel Ramón teilte mich auch ganz schön ein. Wir waren nur zu zweit am Boot und er brauchte meine Mitarbeit.
Am dritten Segelabend ankerten wir in einer Bucht, doch der Anker hielt nicht und wir wurden aufs Meer hinausgetrieben. Onkel Ramón, der schon einiges getrunken hatte, sagte nur: „So eine verdammte Puta von einem Anker!“ Er wollte das kleine Missgeschick gleich nutzen und eine spontane Nachtfahrt machen. Er hob das Glas, prostete den aufziehenden Wolken zu, schrie dabei ein inniges „Putaaaaa!“ und hoffte auf wohlgesinntes Wetter. Doch das Wetter spielte nicht ganz mit. Starker Wind kam auf und die Wellen marterten das Boot. Ich merkte, dass Onkel Ramón sich Sorgen machte und deshalb immer mehr zu trinken begann. Er hielt sich jedoch wacker am Steuerrad, wurde von den überkommenden Wellen gepeitscht und fluchte: „Puta Wetter, Puta verdammte!“
Und ich jauchzte! Noch nie in meinem Leben fühlte ich mich derart lebendig. Ich dachte, wir stünden am Abgrund zur Hölle, würden jeden Moment abkratzen, ersaufen, wie zuhause die kleinen unerwünschten Kätzchen im Fluss ertränkt wurden, und das gab mir Freude, Energie und noch nie dagewesene Lust auf Leben! Ich wusste eines nun mit Sicherheit. Sollte ich diesen Sturm überleben, wollte ich unbedingt selbst Skipper werden. Ich wollte selbst die Kontrolle über solch ein Gefährt haben und selbst gegen Wind und Wetter antreten!

Weg II

(Inhaltsverzeichnis)

Den Flug fand ich als Jugendlicher atemberaubend aufregend. Über allen Dingen glitt ich in einem zerbrechlichen Rohr aus Blech durch die Lüfte, frei und weit weg von allem, unfassbar! Hierher konnten mich nichts und niemand verfolgen!
Es war dunkel, als das Flugzeug in Athen landete. Ein kleiner Grieche mit Sonnenbrille, der jegliches Interesse an den Ereignissen dieser Welt verloren zu haben schien, holte mich dort ab. In einem unglaublich großen Auto wurde ich durch das nächtliche Athen kutschiert, irgendwohin in eine höher gelegene Gegend. Obwohl für mich alles, einfach alles, völlig neu war, hatte ich mit meinen fünfzehn Jahren keine Angst. Wenn ich‘s mir recht überlege, dachte ich damals wohl einfach nichts. Ich ließ alles geschehen, mein Gehirn war leer, konnte ja doch nichts an den Dingen ändern. Die Lichter der Stadt sprangen auf den blankpolierten Scheiben der Limousine in einem einschläfernden Rhythmus hin und her, an einer Ampel beobachtete ich einen fetten Mann unter einer Brücke, der eine Frau mit der einen Hand festhielt und ihr mit dem Faustring der anderen ins Gesicht schlug. Der Wagen wurde zum Glück durch eine Klimaanlage gekühlt, die Hitze hatte mir am kleinen Flughafen in Athen auf dem Weg zum Auto eine ganz schöne Ohrfeige verpasst!
Das Haus von Onkel Ramón war gewaltig, und ungewohnt hell. Sehr viel weiß, sehr viel Licht, und künstlich eisig gekühlt. Er selbst war in seinem Arbeitsraum und telefonierte. Ich wartete bereits fast eine Stunde, als Onkel Ramón breit grinsend und mit ausgebreiteten Armen auf mich zukam. Zuerst zuckte ich leicht zusammen, denn seine Vorderzähne schienen alle aus Gold und Silber zu sein, metallisches Lächeln. Ich musste mich konzentrieren, denn ich hatte bis jetzt nur mit meiner Mutter spanisch gesprochen und Ramón redete verdammt schnell und undeutlich.

Weg!

(Inhaltsverzeichnis)

Dieses katholische Gymnasium interessierte mich eigentlich überhaupt nicht. Wusste einfach nicht, was ich mit dem ganzen Krempel, den sie da Tag für Tag auf mich einredeten, anstellen sollte. Ich zeichnete viel lieber Comics, die von den verrückten Lehrern handelten. Die Geschichten waren bei meinen Mitschülern sehr beliebt und mir gaben sie Gelegenheit, meine Gedanken aus dem Käfig zu lassen.
Nur die Ferien verbrachte ich zuhause in den Bergen. War auch nie sehr lustig, denn Freunde hatte ich dort keine mehr. Mit fünfzehn, glaube ich, war‘s, als Mutter mich den Sommer über nach Griechenland schickte. Auf einmal erzählte sie mir etwas von einem Bruder, den sie in Athen hatte, meinem Onkel Ramón. Mutter war nicht gerade begeistert davon, aber Tante war verreist und uns drohte wieder einmal der Verlust unseres Hauses. Mutter hatte kaum für sich selbst genug zu essen und mir war alles andere lieber als in der Wildnis zu verhungern oder dort in der ewigen Scheißkälte zu erfrieren. Onkel Ramón hatte Flugtickets geschickt, ich konnte auf der Stelle aufbrechen. Mutter weinte, tobte, beschwor mich, ja wieder zurückzukommen, ja nicht bei Onkel Ramón zu bleiben, ich war ja noch ein Kind, was sollte sie nur tun. Mutter lief im Kreis. Sie telefonierte lange mit Onkel Ramón, schrie ihn an und wünschte ihn und sowieso die ganze Verwandtschaft zum Teufel. Am nächsten Tag war ich auch schon in Athen.

Mutter des Krieges III

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Seit unglaublich vielen Jahren lebte Tante bereits ohne Mann, sie hatte es ja geschworen. Sie besaß bloß eine Katze, auf die sie all ihr unerfülltes Verlangen und ihre Sehnsüchte losließ. Die Katze war ein zu Tode geliebter Zombie. Schwarz, und das dumme Vieh hasste mich.
Jeden Abend trat Tante auf den Balkon ihres Hauses, eine Bühne, die für alle Nachbarn gut sichtbar im rötlichen Abendlicht lag. Dort stand sie und rief mit aller Kraft den Namen der schwarzen Katze – Tante erwähnte immer wieder voll stolz, dass sie beim BDM wegen ihrer guten und kraftvollen Sangesstimme sehr beliebt war. Sie rief den Namen der Katze zehnmal, zwanzigmal, in verschiedenen Tonlagen, kurz und langgezogen, sie sang ihn solange, bis die Katze antrabte. Die allabendliche Arie für die Nachbarn. Der Name der Katze war „Muschi“.

Mutter des Krieges II

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Tante sorgte sehr für mich. Sie durchsuchte die Taschen meiner Freunde, kategorisierte sie nach Herkunft und Schulnoten und kümmerte sich um ein gutes Verhältnis zu den Eltern mit Bildung und Geld. „Herr Magggiiiiiister!“ – „Frau Kommerziaaaaalraaaaat!“, so rief sie durch die Straßen des kleinen Städtchens und lief ihnen entgegen, sobald die aufgetakelten und geldgeilen, alten Säcke daherkamen.
Hatte ich mal Ruhe, versenkte ich mich in die Malerei. Zeichnete mordende Untote und Totenköpfe mit Ratten, die ihnen grinsend durchs Gehirn krochen. Gerne malte ich auch alte Segelschiffe, die über die unbekannten Weiten der Meere fuhren. Riesige mit Kanonen bestückte Galeeren, die sich in Sonnenuntergängen blutig romantische Gemetzel lieferten. Wie schön doch ein Leben am Meer sein musste! Ich war sehr begabt, das sagten sogar die Lehrer.
„Augustin, du wirst Arzt. Als Künstler stirbst du den Hungertod. Das ist ja peinlich.“
Jeden Tag schleppte ich mich in eine strenge katholische Schule, die, ehemals reine Knabenschule, erst seit kurzem auch Mädchen akzeptierte. Niemand wusste, was man mit ihnen anfangen sollte.
Der Unterricht war hart. Tante machte mir das gleich am ersten Schultag klar: „Augustin, nur damit du dich darauf einstellen kannst. Zum Schulende wird der Schüler mit den schlechtesten Noten öffentlich hingerichtet. Und wer mit achtzehn Jahren keine Jungfrau mehr ist, ebenfalls.“ Hätte das der Wahrheit entsprochen, wäre ich wohl tausend Tode gestorben. Und dort saß ich nun Tag für Tag mit den Kindern der aufgetakelten und geldgeilen, alten Säcke und fühlte mich allein. Nur ich sprach meinen Dialekt, niemand verstand mich.
Noch bevor ich den Unterschied zwischen Gut und Böse kannte, brachte mir Tante bei, Juden zu erkennen. An der Nase, an den Ohren, am Namen. Fernsehen durfte ich nicht – außer den Nachrichten um halb acht, in denen die Juden sprachen, war TV verboten. Zuviel Sex und Perversität in den Medien. Verabscheuungswürdig, sagte Tante, die Welt geht an ihren animalischen Trieben zugrunde. Und die Juden geben ihr dann den Rest. Was hatten wir immer für einen Spaß, bei den Nachrichten die Juden und ihre Weltverschwörung zu enttarnen! Lange Zeit habe ich mich später dafür gehasst! Ich verabscheue solch ein Denken aus tiefster Seele.

Mutter des Krieges I

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Nachdem Vater spurlos verschwunden war, brachen schlimme Zeiten für Mutter und mich an. Ich wurde zu einer Großtante in ein kleines Städtchen gebracht. Es war jedoch nicht irgendeine Tante, sondern „die Tante“. Jeder in der Familie nannte sie „die Tante“. Sie war die kinderlose Gottmutter. Sie nahm die Sprösslinge der Familie bei ihr auf, um ihnen Anstand und Bildung beizubringen.
„Augustin, du wirst Arzt.“ Ich war zehn, meine Hoffnungen verloren.
Am liebsten erzählte Tante vom BDM, Bund deutscher Mädel, und vom im Krieg gefallenen ersten Ehemann. Ein Held.
Der zweite Ehemann war ein Reinfall. Kapitän der Meere, mit schicker Uniform. Er war oft monatelang nicht daheim und kam irgendwann gar nicht mehr zurück. Niemand weiß, wo er geblieben war. Es war auch besser so, meinte Tantchen, denn er war zwar ein durchaus brauchbarer Mann, als Gatte nicht die unglücklichste Wahl, hatte aber nichts im Kopf. Ein Seemann eben. Ich lernte ihn nie kennen, war aber von dem Gedanken fasziniert, zur See zu fahren. Lange Zeit unterwegs, kaum irgendwo angekommen, auch schon wieder weg. Kein Stillstand. Und wenn’s dir wo nicht gefällt, kehrst du nie mehr dahin zurück.
Es gab noch einen dritten Anwärter für die Ehe. Einen reichen amerikanischen Selfmade-Millionär, natürlich Jude, typisch. Er war so charmant, machte allerlei Geschenke und Anträge, doch Tantchen wollte nicht und nicht der Heimat den Rücken kehren. Er starb bevor es zu einer Entscheidung kam. Doch musste Tante ihm zuvor am Totenbette noch hoch und heilig schwören, keinen anderen Mann mehr in ihrem Leben zu nehmen.
Im Keller von Tantes Haus gab es einen finsteren Raum, hinter einem schweren dunkelroten Samtvorhang. Lange Zeit traute ich mich nicht, den Vorhang beiseite zu schieben, um zu sehen, was dort war. Ein Gewicht schien er zu tragen, das meine kindlichen Kräfte überstieg. Ich fragte Tante oft, bekam aber immer nur unbefriedigende Antworten. Es wäre der Raum mit dem Katzenfenster und dem Katzenclo.
Erst Monate später, als ich mutiger und der Vorhang leichter geworden war, schob ich ihn in einem Anfall von Erkundungsdrang doch mit aller Kraft zur Seite – Tante war gerade beim Einkauf. Ein unerwartet bestialischer Gestank fiel mich da an, mir wurde schwindelig! Zuerst sah ich nur ein kleines, stark verschmutztes, vergittertes Fenster, das eine kleine Öffnung für die Katzen hatte. Ich musste mir wegen des Geruchs die Hand vors Gesicht halten, meine Augen brannten und gewöhnten sich nur widerwillig an die Finsternis. Nach und nach erkannte ich, was sich in dem Kellerloch befand. Zwischen einer Unmenge an Katzenkot lagen lieblos verstreut Erinnerungsstücke herum.
Und dann durchfuhr es mich! Aus den Augenwinkeln sah ich einen großen Schatten neben mir. Mit einem erschreckten Sprung zurück fiel ich auf den Hintern. Da ragte etwas Grausames vor mir in der Finsternis empor: eine riesige Kleiderpuppe mit gewaltigen Brüsten! Bekleidet mit einer Uniform! Hemd, Krawatte, schwerer Mantel, hohe Stiefel, und eine Kappe oben drauf! Orden stachen mir in die tränenden Augen und zwei Blitze. Wie die gesichtslose Mutter des Krieges stand die Puppe über mir. Tot und übermächtig.

Französische Arbeit

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Ich dachte jedoch nicht immer so. Nein, nein. Es gab auch eine Zeit, während der mich der Gedanke faszinierte, einen Vollzeitjob in einem Büro zu haben, mit Kollegen gut auszukommen, mit ihnen nach der Arbeit auf ein Bier zu gehen, den ganzen Scheiß mitzumachen. Doch bereits nach kurzer Zeit war ich mit den Nerven völlig am Ende. Ein paar aufdringliche Gutmenschen im Büro bemerkten das und überredeten mich zu einem Kurzurlaub in Frankreich.
Es war in Paris, als wir in einem Lokal saßen und draußen die Hölle losbrach. Den ganzen Tag schon spürten wir das Knistern der Stadt. Jede Menge Polizei war zu sehen, Straßen wurden gesperrt, Hunde bellten und nun ging‘s los! Schreiende Menschen mit Transparenten in den Händen zogen am Lokal vorbei! Ich verließ meine Kollegen mit einer Flasche Bier in der Hand und schloss mich einer kleinen tobenden Menge an. Keine Ahnung, worum‘s ging, die Sprache verstand ich nicht und es war mir auch egal.
Neben mir lief ein Mädchen, das mir gefiel. Sie stellte genau das dar, was ich mir immer unter einer typischen Französin vorgestellte: überhaupt nicht auf den Mund gefallen und immer für einen kleinen Fick zu haben. Um die Aufmerksamkeit des Mädchens zu erregen, legte ich mich ganz schön ins Zeug. Ich brüllte wie ein Irrer herum, indem ich ihre Schreie nachahmte. Zuerst bemerkte sie mein Engagement wohlwollend und sah mich mit einem verschwörerischen Blick an, doch das hörte auf, als sie ein paar Leute traf, die sie kannte. Die Französin stellte sich zu ihnen neben eine Telefonzelle. Um nicht in Vergessenheit zu geraten, warf ich mit lautem Gebrüll meine Bierflasche in eine Menge von Polizisten, die in einiger Entfernung irgendwas bewachten. Das Mädchen hatte das leider nicht bemerkt, die Polizisten schon. Sie formierten sich und begannen auf die Demonstranten einzuprügeln, es entstand ein hübsches Gemetzel. Die Französin und ihre Freunde hämmerten nun auf die Scheiben der Telefonzelle ein und beschimpften die Polizisten, die ordentlich Schläge austeilten. Das war meine Chance. Ich schnappte mir von einem nahestehenden Baugerüst einen ungefähr zwei Meter langen Holzpfosten und lief damit, ihn wie eine Lanze vor mich haltend, mit aller Kraft in die Telefonzelle, die nun völlig im Arsch war. Zwar rammte ich mir ein gutes Stück Holz in die Innenseite meines Oberarmes, aber dafür lud mich nun das Mädchen mit einer Handbewegung ein, gemeinsam mit ihr und ihren Freunden vor der Polizei davonzulaufen. Ich hatte schon einiges an Erfahrung mit Demonstrationen und den gewalttätigen Ausschreitungen danach, aber das in Paris erinnerte mich eher an Bürgerkrieg.
Es wurde ein herrlicher Nachmittag. Am Abend versorgten wir gut gelaunt unsere Verletzungen, die wir von den Schlagstöcken der Polizei bekommen hatten, die Bisswunden von den Hunden und waren bald wieder auf der Straße, um uns die brennenden Autos anzusehen. Es war wie Weihnachten.
Zurück in Wien jagte ich diese „Kollegen“ und das Büro zum Teufel und kündigte.

Am Abend

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Am Abend latsche ich manchmal in die Obenohnebar. Wenn die stressige Arbeit getan ist, wenn die Schufterei ein Ende hat, dann hab ich mir das verdient. Ein bisschen ausruhen, entspannen.
Ich hock mich aber nur an ausgesuchten Tagen in die Obenohnebar. Am liebsten eigentlich am Sonntag. Das ist der traurigste Tag von allen. Von Donnerstag bis Samstag sind mir zu viele Leute mit zu guter Laune dort. Das sind die, die während der Woche mit eingeschlafenem Gesicht hinterm Schreibtisch hängen, sich am liebsten aus dem nächsten Fenster stürzen würden, alle anschnauzen, aber mit zunehmendem Nahen des Wochenendes wieder zu umgänglichen Menschen werden und aufwachen. Die sitzen dann unruhig in der Obenohnebar, wetzen mit ihrem Arsch den Überzug der Barhocker ab, grinsen dämlich, reißen blöde Witze und sind ganz hysterisch, weil sie vielleicht etwas tun, was Mama verboten hat.
Am schlimmsten ist es, wenn im Winter ganze Belegschaften von Firmen in die Bar krachen, die erwähnten abgeleckten Arschgesichter mit Anzug und Krawatte mit ihren durchgefickten Stelzenhopsern, völlig überdreht. Dann überschlagen sich das Gegrunze der Männer und das Gekicher der Frauen. Manche sind zu feige, der Kellnerin auf die Titten zu schauen, andere wiederum tun so als hätten sie noch nie Titten gesehen, oder sie scheinen überhaupt in einen embryonalen Zustand zurückversetzt zu werden.
Am Sonntag ist das anders. Am Sonntag hockt nur mehr der letzte Abschaum in der Obenohnebar herum. Die, denen schon alles egal ist, die, die alles hinter sich haben, die, die am Montag das Gleiche tun wie am Sonntag, die alles aufgegeben haben, die nur mehr darauf hoffen, irgendeinen Ansatz von Reiz an ihrer tauben Seele zu spüren. Da muss ja noch was da sein, verdammt!
Und dann, dann beginnt die große Show! Wenn die Musik losdröhnt, die Lichter angehen und die Mädels aus der Finsternis springen und an ihren Stangen losturnen, da geht er ab. Mein Film. Mein ganz persönlicher Film. Sitze da, meine Augen auf die hüpfenden Ladys gerichtet… und bin doch ganz woanders. Seltsame Szenen laufen ab, Gedanken von irgendwann, irgendwo, vor langer Zeit, ein Paralleluniversum? Bilder blitzen durchs Gehirn, Stimmen fahren mich an, Gesichter tauchen auf – wer ist das? – Blut spritzt, Menschen schreien und gehen ein. Ich kann nichts dagegen tun, muss trinken, das Gehirn überlisten; und stecke dem Girl was ins Höschen.

Rattenloch III

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Den anderen menschlichen Kontakt im Rattenloch pflegte ich am Clo. Ein Mann, der beim Pinkeln pfiff. Kennst du Zamfir? Genauso konnte der Typ pfeifen! Mit dem Unterschied nur, dass er nicht die Panflöte, sondern seinen Schwanz in der Hand hielt. Versteh mich nicht falsch, die Pfeifgeräusche erzeugte er natürlich schon mit seinen Lippen.
Die Melodien waren eine Freude für die Ohren. So berührend, Tränentreiber, verträumt, harmonisch! Hörte man seine Kunst, fühlte man sich in einen bezaubernden Wald versetzt, der wie starkduftende Toilettenluftaufwerter mit picksüßem Kieferngeruch roch. Während er pfiff, wanderte man durch diesen endlosen Wald, traf knurrige Zwerge, nuttige Elfen, streichelte kleine, doofe Häschen, bei denen man Lust bekam, ihnen den Hals umzudrehen, und beobachtete die herumschwirrenden Mücken in der Sonne. Es trieb dir den Alltag aus den Knochen. Ich liebte Zumpfirs Gepfeife! Zumpfir, so nannte ich ihn insgeheim.
Wenn er beim Pinkeln ein Konzert gab – und man weiß ja, dass die Akustik am Scheißhaus hervorragend ist -, zögerte ich meine Cloaufenthalte künstlich und möglichst unauffällig in die Länge, nur um ja keinen einzigen Ton zu versäumen. Meist machte ich das, indem ich nach meinem Geschäft besonders intensive Waschungen durchführte. Ich seifte mir die Arme bis über die Ellbogen mit viel Schaum großflächig ein und wusch mich dann langsam und sorgfältig ab, ohne viel Sauerei zu hinterlassen.
Eines Tages sprach mich Zumpfir dabei an: „Sie waschen sich ja immer äußerst gründlich! Das ist gut zu wissen. Ein Mensch, dem man gerne die Hand reicht!“ Zumpfir lachte ziemlich laut, aber allein, über seinen Witz. Beim genaueren Betrachten im stark ausgeleuchteten Waschbereich fiel mir seine auffällig abstoßende und seltsam glänzende kleine Stupsnase auf. Zumpfir pfiff herrlich, aber war potthässlich und noch dazu äußerst unsympathisch. Ich seifte mir auch noch meine Nase ein und wartete auf Zumpfirs Reaktion. Der verließ aber bloß lachend, kopfschüttelnd die Toilette. Ich sah mich im Spiegel, mit dem von Seife weißen Gesicht und dachte an einen Eisbären.
Seit dieser Begegnung unterbrach Zumpfir seine Kunstpfeiferei, sobald ich auf die Toilette kam, um mit mir zu plaudern. Smalltalk versaut einem wirklich alles.

Rattenloch II

(Inhaltsverzeichnis)

Vor einigen Jahren musste ich im Rattenloch sogar mehrere Monate durchgehend arbeiten. In einem Raum, der anderthalb mal drei Meter groß war, verbrachte ich den Sommer. Es gab an den Wänden zwar dünn verglaste Öffnungen, die in andere Räume gingen, doch sie waren zu hoch oben, als dass ich hätte durchschauen können. Ich sah nur unheimliche Schatten, die die Körper der anderen armen Hunde in den angrenzenden Zellen an die Decke warfen. Ich schuftete damals viel in diesem Raum, kannte aber sonst keinen dort. Die Arbeitsinstruktionen bekam ich über Telefon, das Geld lag in regelmäßigen Abständen in einem orangen Kuvert in der Lade. In diesem Sommer war ich ein Gefangener in Einzelhaft.
In all den vergeudeten Tagen, die ich im Rattenloch verbrachte, kam es jedoch auch zu dem einen oder anderen Kontakt, sozusagen sozialer Art. Das erste menschliche Wesen, mit dem ich im Rattenloch interagierte, war meine Zellennachbarin – ja, ich hab‘s mit den Nachbarinnen. Es war ein heißer Tag, die Luft war zum Schneiden, ich saß mit nacktem Oberkörper in meinem Raum. Es war egal. Sowieso hatte noch nie jemand während meiner Anwesenheit den Raum betreten. Worüber ich nicht unglücklich war. Als auch schon die Tür einen Spalt aufging und ein Arm hereinkam und sich an den Reglern der Klimaanlagen, die in jedem Raum an derselben Stelle gleich neben dem Türrahmen waren, zu schaffen machte.
„Kaputt.“, sagte ich leise, um den Arm nicht zu erschrecken.
Plötzlich erschien über dem Arm ein Kopf, der mich seltsam prüfend ansah. Weiblicher Humanoid.
„Oh!“, sagte die Frau und schob ihren restlichen Körper ins Zimmer.
Ohne den Blick von dem Eindringling zu wenden, griff ich instinktiv nach meiner Sonnenbrille und schob sie mir langsam ins Gesicht.
„Ich wusste nicht, dass hier jemand arbeitet.“, wunderte sich die Frau. Sie stand da mit einem Pullover, fingerlosen Handschuhen und Ohrenschützern: „Tschuldigung. Ich wollte nur ihre Klimaanlage aufdrehen. Meine bringt mich um. Es ist saukalt bei mir drüben. Vielleicht nutzt das was und meine Klimaanlage arbeitet dann weniger stark.“
„Also mir is grad richtig.“, gab ich zurück und kratzte mir die linke Brustwarze.
„Das sehe ich. „, sagte die Frau, während sie meinen bleichen Bauch anstierte. „Naja, tut mir leid. Wollte nicht stören. Auf Wiedersehen, Nachbar.“ Sagte es und verließ das Zimmer. Ich erschrak etwas. Sie betonte das Wort „Nachbar“ zu intensiv. Es klang fast wie eine Drohung. Ich dachte an meine Nachbarin von zu Hause.
Ein paar Minuten später tauchte sie wieder auf. Ich hatte mir mein T-Shirt angezogen, irgendwie ahnte ich bereits, was kommen würde. Die eben erst kennengelernte Kollegin betrat erneut, unaufgefordert, meine Zelle. Jetzt ohne ihren Pullover. Sie hatte etwas Kurzärmeliges an und irgendeine Tube in der Hand. Sie baute sich erschreckend nahe vor mir auf, drückte mit ein paar ziemlich lauten Furzgeräuschen massig Salbe aus der Tube und begann sich die Arme einzucremen.
„Also wirklich. Bei Ihnen ist es sowas von angenehm! Darf ich mich ein bisserl aufwärmen bei Ihnen?“
„Ja gut. Die Klimaanlage soll diese Woche noch repariert werden. Dann wird’s hier auch schnell kalt sein. Eiskalt.“, sagte ich, nur um irgendwas zu sagen. Ich hatte überhaupt keinen Bock auf ein ernsthaftes Gespräch.
„Wie heißen Sie eigentlich? Sind sie neu hier?“, fratschelte sie mich aus. Ich hasse Smalltalk.
„Ach nein, ich arbeite hier schon seit rund fünfzehn Jahren. Ignaz Ficker mein Name. Sehr erfreut.“, erfand ich, stand, über meine phantastisch kreative Spontanität verwundert, auf, reichte der Nervensäge die Hand, indem ich mich weit vorbeugte, um keinen Schritt machen zu müssen, und setzte mich wieder. Auf einmal schoss mir eine seltsame Müdigkeit in die Knochen.
„Sehr erfreut! Ich heiße Rosenlieb.“, stellte sich die Frau vor. Sie erwartete wohl irgendwas von mir, denn sie stand da und sah mich an.
„Hören Sie mich vielleicht manchmal miauen?“, fing Frau Rosenlieb plötzlich an.
„Nein.“
Ich wollte es kurz machen und drehte mich weg.
„Da bin ich aber froh!“, lachte die Frau, „Wäre mir nämlich ein bisschen peinlich. Wissen Sie, es ist nämlich so. Ich hab zu Hause ein liebes Kätzchen und das sitzt dort den ganzen langen Tag und wartet auf mich. Alle paar Stunden ruf ich meinen eigenen Anrufbeantworter an und rede mit dem Kätzchen – man kann nämlich mithören, wenn jemand auf den Anrufbeantworter spricht. Und ich miaue dann und sag liebe Sachen zum Kätzchen.“
Sie hörte auch die nächsten Minuten nicht auf, von ihrer Scheißkatze zu reden. Ich mag Katzen nicht und Frauen, die von Katzen reden, schon gar nicht. Zum Glück entdeckte ich etwas, was mir zuvor nicht aufgefallen war. Genau hinter dieser endlos redenden Person befand sich ein Fluchtplan des Gebäudes! Noch während Frau Rosenlieb mir von ihrem Vieh vorschwärmte, stand ich auf, stellte mich vor sie und blickte über ihre rechte Schulter hinweg auf den Fluchtplan. Sie versuchte immer wieder mit mir Blickkontakt aufzunehmen, indem sie ihre Position korrigierte, doch ich war schon zu sehr auf den Fluchtplan konzentriert und ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Ich dachte mir, wenn die Alte nicht bald verschwand, würde ich den rot eingezeichneten Fluchtweg im Laufschritt nehmen und nie wieder zurückkehren.
Ein paar Minuten versuchte Frau Rosenlieb mit mir noch etwas Smalltalk. Ich erlog mehr unzusammenhängendes Zeug, bis sie schließlich das Interesse am Gequatsche verlor. Sie sagte, sie freue sich über einen neuen Nachbarn. Es sei so einsam hier. Frau Rosenlieb verließ schließlich meine Zelle. Ich hoffte inbrünstigst, ich würde sie nie mehr wiedersehen müssen!
Gleich danach suchte ich mir die Telefonnummer der Haustechnik raus und meldete meine kaputte Klimaanlage, mit der Bitte diese möglichst schnell zu reparieren.