Genieschenierer

Musste ich mir gestern doch vorwerfen lassen, ich hätte keinen Schenierer!
Ein paar Typen hatten mich in ein Fitnesscenter mitgeschleift, weil sie meinten, das wäre gut gegen die Depressionen und gegen Rückenschmerzen – und bei leichtem Leberschaden auch hilfreich. Ich bin ja eher der Mensch, der nach dem Motto „never touch a running system“ lebt. Was bisher funktioniert hat, wird auch weiterhin funktionieren. Und wenn ich seit vierzig Jahren keinen Sport treibe und plötzlich damit anfange, könnte das mein System zum Kollabieren bringen! Deshalb habe ich es gestern im Fitneßcenter auch nicht übertrieben und bin die meiste Zeit über locker lässig mit einer Flasche Bier an der Bar gestanden.
Nach dem Training jedenfalls gingen wir duschen… normalerweise bin ich nicht so der Duscher, aber um des Friedens Willen… es war grauenhaft: all die fetten Ärsche und verschwitzten Wampen der alten Säcke zu sehen!
Danach zogen wir uns an. Auf einmal rief eine Putzfrau von draußen rein, ob sie schnell hereinkommen und trockenwischen dürfe. „Na klar!“, riefen alle im Chor. Schließlich waren wir alle ja schon zu mindestens fünfzig Prozent bekleidet. Mit einem Unterschied nur: alle hatten zumindest ihre Hosen und ein Oberteil an. Ich hatte nur Socken, Unterleibchen und Hemd an. Die Putzfrau verdrehte die Augen und einer meinte: „Jetzt fehlt nur noch, dass du dir die Schuhe und die Jacke anziehst, bevor du dir die Unterhose drüberziehst, du Genie. Keinen Schenierer hat er nicht!“

Ich aas:
1 Käseleberkäsesemmel mit Senf

Sophie, Hunger!

Der Schweizer Liechtensteiner aus Vorarlberg, ein „Kollege“ aus der Anstalt, hat mich gestern auf ein Konzert geschliffen. „Sophie Hunger“, Künstlerin aus der Schweiz, im Konzerthaus. Ich war ja sehr skeptisch:
„Es gibt Sitzplätze? Ein Konzert, bei dem man sitzen muss?“
Ich meine, „Konzert“ bedeutet bei mir: stockbesoffen in einer dunklen, verrauchten Kellerbar herumtorkeln und irgendwo stehen ein paar Typen mit Instrumenten, die so laut und verzerrt spielen, dass einem die Ohren flattern. Aber gut, man kann ja mal was Neues probieren.
Wir sind leider  etwas zu spät in den Saal geplatzt, weil wir von der Kartenabreisstussi in eine Diskussion verwickelt wurden. Sie wollte unbedingt, dass wir unsere Jacken an der Garderobe abgeben. Na gut, wir gaben schließlich nach. Mussten die Flachmänner halt in die Hosentaschen.
Das Konzert überraschte mich positiv. Musiker mit Leib und Seele – es war wie eine Offenbarung! Der Vorarlbergerische Schweizer aus Liechtenstein und ich, im Grunde schon zwei alte Deppen, mussten leider alle paar Minuten aufs Clo. Das gute Bier. Irgendwann gingen wir gar nicht mehr auf unsere Sitzplätze, sondern blieben im Vorraum stehen. Die Musik war dort auch noch zu hören und so konnten wir ungestört trinken.
Irgendwann fanden wir uns in einem kleinen Hof wieder. Dort war es ideal! Die Musik war lauter, wir konnten rauchen, reden und in die Blumen pissen. Und das alles gleichzeitig.
Aber Jesus! Je länger wir der Musik lauschten umso geiler wurde der Liechtensteiner Vorarlberger aus der Schweiz! Er begann zu hecheln und zu sabbern!
„Was’n los, Alter?“, frag‘ ich.
„Ich werd‘ sie mir nachher aufreissen!“
Ok, einerseits verständlich, es war bereits sein viertes Konzert mit Sophie. Aber andererseits natürlich völlig aussichtslos. Ich gab ihm ein paar Tipps:
„Du könntest sie in den Swingerclub einladen.“ Und sowas.
Wir hätten gerade begonnen, uns zu prügeln, als unsere hochprozentige Konversation jäh durch einen Hausmeister unterbrochen.
„Schleicht’s eich do!“, rief er. Und wir schlichen uns.
Hockten uns dann zur Zugabe-Radaumache wieder in den Saal und blödelten herum.
Was für ein Finale! Sophie und ihre Kapelle ließen noch mal die Sau raus, Standing Ovation und dann… raus in die Nacht und hinein in die Bars… und die Musik mit uns.

Ich aas heute:
daher nichts, nur Kaffee

 

Ne, mein‘ Quitte Spaß.

Hab‘ heut‘ nichts gegessen. Keinen Bock drauf. Heute ist bei mir Bluestag.
Hänge schon seit dem Morgen wehmütigen Gedanken nach, trink‘ ein Bier nach dem anderen, höre Singer-Songwriter mit ihrer krächzenden Stimme, Gitarre, Mundharmonika… und dazwischen:  ne me quitte pas…
Finde keine Ruhe, bewege mich im Kreis, einfach keine Ruhe im Gehirn. Denken, denken, denken… wohin soll das führen?
Langsam wird’s besser. Habe mir grad‘ ein paar wilde Joints reingezogen… bessert zwar nicht die Stimmung, aber das Denken führt in andere Richtungen, in angenehmere.

Ich aas:
1 Bier. Oder viele.

 

Camp W4 – Teil IIII

Teil I
Teil II
Teil III

Am späteren Nachmittag beruhigte sich die Lage. Die ersten Kopfschmerzen waren da, wir stiegen zu der grünen Suppe, die sie „See“ nannten, hinab, um uns etwas abzukühlen. Ich brauchte Ruhe und setzte mich auf einen warmen Stein in die untergehende Sonne. Nach einiger Zeit tauchte Kotzlocke neben mir auf. Schatten fiel auf mich und ich erschrak. Kotzlocke stand völlig nackt neben mir und sein Schwanz sah aus wie Faust und Unterarm von Sylvester Stallone.
„Warum hast du einen Steifen, Kotzlocke?“
„Hab ich nicht, ist Normalzustand.“
„Kannst du deinen Normalzustand nicht aus der Sonne nehmen?“
Nach einer Weile sagte ich:
„Naja, gehen wir wieder hoch. Vielleicht finden wir ein Mädchen für dich.“

Am Campingplatz zurück bunkerten wir Vorräte an Wein und Bier. Das von der Chefin geführte Buffet schloss zeitig, damit die Scheißnachtruhe auch eingehalten werden konnte.
Als ich die Flaschen in meinen alten Militärrucksack stopfte, beäugte sie mich wieder äußerst skeptisch.
„Darf ich Sie daran erinnern, dass um Punkt 22:00 Uhr die hiesige Nachtruhe beginnt, welche unbedingt einzuhalten ist?“
„Halten zu Gnaden, eure Exzellenz, aber Ihre Nachtruhääää wird schon nicht zu Schaden kommääään.“

Doch ich hatte mich geirrt – es gab Schaden, und Schrecken! Das muss ich dir morgen erzählen!

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Ich aas:
1 Weckerl irgendwas

Camp W4 – Teil III

Teil I
Teil II

Nachdem Zelt und Kotzlocke wieder gesäubert und so gut es ging wiederhergestellt waren, lud ich alle zum Frühstück ein… mich schickten sie wieder vor, um zu sehen, ob wir überhaupt noch willkommen waren. Die Chefin schenkte mir einen herablassenden und angewiderten Blick, aber sonst war alles in Ordnung.
Beim Frühstück kamen wir sogar mit dem Nebentisch ins Gespräch. Der Typ, der dort mit seiner Frau saß, grinste ein paar Mal herüber, sodass unser greiser Begleiter hinüberschrie:
„Was is? Is irgendwas? Oder was? Hä?“
„Einer von euch schnarcht wie eine Wildsau!“, lachte der jedoch nur. An seinem roten Kopf und seinen demolierten Augen erkannte ich, dass wohl auch er am Vorabend stark alkoholisiert gewesen sein musste.

Während des Tages machten wir etwas Radau am Campingplatz. Wir fanden eine Feuergrube und machten Feuer – die Chefin kam sogleich mit einem Kübel Wasser gelaufen, löschte es und hielt uns einen Vortrag über die Regeln am Campingplatz. Dann borgten wir uns Tischtennisschläger und -ball aus. Keiner von uns wußte wirklich damit umzugehen, aber wir hatten einen Heidenspaß dabei. Zweimal mussten wir uns einen neuen Ball holen. Es war ein herrlicher Tag – wir hatten schon lange wieder zu trinken begonnen, der Sport hob die Laune und am Ende war so ziemlich alles hinüber. Der Chef beschwerte sich bei uns – das Netz vom Tischtennistisch stand nicht mehr, Boden und Tisch voll Bier und einige meiner gekonnten Vorhände hatten mit dem Schläger leuchtend rote Streifen an der Wand hinterlassen.

Und am Abend… oje… das muss ich morgen erzählen.

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Ich aas:
1 Teller Kotze in der Cantina der neuen Anstalt

Rede des Anstaltsleiters

„Ha, Matla! Überrascht mich hier zu sehen? Nein? Ah, sie haben keine Ahnung, wer ich bin, stimmt’s? Ich bin Ihr Abteilungsleiter! Jaja, schauen Sie nicht so… teilnahmslos. Ist das nicht ein schönes Fest hier? Ich finde, es ist das schönste Stadtfest überhaupt. Aber lassen wir das Gerede, ich muss Ihnen was sagen, Matla. Kann sein, dass ich schon ein bißchen beschwipst bin, aber vielleicht gerade deshalb. Ich will Ihnen sagen, was ich von Ihnen halte. Es interessiert sie nicht, ich weiß, trotzdem muss ich es los werden. Denn sie sind ein Typ Mensch… wie soll ich sagen… wissen Sie wie sie auf mich wirken? Und das kann jeder bestätigen, den Sie fragen: Egal, wann und wo, sie sehen immer – immer! – aus, als hätten Sie die Nacht durchgesoffen und wären gerade eben erst aufgestanden. Ihre Haare stehen zu Berge, Ihre geschwollenen Augen hinter den Sonnenbrillen, die Sie selbst am Clo nicht abnehmen…. Ihre Haare! Am liebsten würde ich Ihnen Ihre Haare an Ihren vermaledeiten Schädel nageln! Sie wandeln herum, als hätten Sie noch nicht begriffen, was gestern los war und warum Sie heute überhaupt aufgestanden sind. Sie reden mit völlig Fremden, einmal hier, einmal da, völlig unzusammenhängendes Zeug… ich weiß nicht… weil Sie glauben, diese Leute zu kennen… und Leute, mit denen Sie täglich zu tun haben, ignorieren Sie… hören Sie mir überhaupt zu, Herrgottnochmal? So einer sind Sie, ja! Jedesmal wenn ich hier nach Ihnen Ausschau halte, sehe ich Sie in irgendeiner Schlange stehen… bei den Bratwürsten, beim Bier, Kaffee, Torte… und dabei stacheln sie jedes Mal die Menge gegen irgendwas auf: das Bier sei warm, der Kaffee eine bohnenlose Frechheit, es gehe zu langsam voran, die Polizeipräsenz zu aufdringlich… und übrigens: ihr penetranter Körpergeruch! Wie ein geiler Ziegenbock riechen Sie, können Sie das nicht ändern? Nein, nein! Bleiben Sie noch sitzen… und wissen Sie, was das Schlimmste ist? Die Leute reden nur Gutes über Sie… Sie… ach gehen Sie doch zum Teufel!“

Ich aas:
1 Eierbrot
1 Topfenstrudel

Das Murmeltier und der schwarze Tod

Ich lebe in einer Gesellschaft der kaputten Zähne. Jeder, den ich kenne, hat Ruinen im Maul. Tiefstes Schwarz, übernatürliches Gelb, schief, lose, abgesplittert, am Abfaulen oder einfach weg.
Dafür ist die Stimmung umso besser. Gestern Abend war ich beim Brantweiner, hatte mal wieder Lust, die versoffenen Arschlöcher zu sehen. Es tat gut, in die lachenden Rachen zu sehen, in denen Tod und Verderben zuhause sind. Ja, Mann, wenn du Probleme mit deinen Zähnen hast, dann geh zum Brantweiner!
Gestern jedoch hatten wir besonders viel Spaß. Einer kam herein, der bekannt war für die völlige Verderbtheit seines Gebisses. Wenn man ihn zum Reden brachte, hatte man unweigerlich das Gefühl, die Büchse der Pandora geöffnet zu haben und von nun an würden todbringende Giftschwaden aus seinen löchrigen Zähnen Kummer und Harm über die Welt bringen. Wir nannten ihn stets den „schwarzen Tod“. Und genau dieser alte Sack jagte uns gestern einen riesen Schrecken ein! Er kam still ins Lokal, grüßte niemanden, hockte sich einfach hin. Aber als er dann zu Lachen begann, zuckten wir alle zusammen! Du lieber Himmel, er hatte ein Gebiss wie ein junges Pferd! Kräftige, strahlend weiße Zähne, die die ganze Mundhöhle einnahmen und sogar noch die Bronchien wie die Kronleuchter in der Hofburg leuchten ließen! Ich wollte ihm schon mein Bier an die Birne werfen, weil mich sein Gebiss so erschreckte.
„Was soll das, Alter?“ Ein mürrisches Raunen ging durch den verrauchten Raum.
Dann erzählte er, dass er nach Ungarn gefahren ist und sich sein Gebiss hat machen lassen. Alles neu, alles künstlich. Unsere anfängliche Skepsis war bald durch betrunkenen Hohn wie weggeblasen, als sich herausstellte, dass er nun zwar schöne Plastikzähne hatte, aber diese bei jedem Wort auch einen witzigen Pfeifton erzeugten. Wir nennen ihn nun „das Murmeltier“.

Ich aas:
1 Krapfen

Wie es ruhig ist

Ein mieser Tag. Ich bin nach Hause gekommen und hatte eine Scheißlaune. Die Nachbarin stand im Stiegenhaus und tratschte mit einer alten Schachtel. Sie grüßten mich, ich verzog im Vorbeigehen nur das Gesicht. In der Wohnung riss ich das erste Bier auf, als ob es eine Handgranate wäre. Und tatsächlich hatte ich Lust, die Dose durchs Fenster zu werfen. Es läutet, ich mach‘ auf, es ist die Nachbarin.
„Na, was haben wir denn, Matla?“
Grunz.
„Und warum hast du Blut unter der Nase?“, fragt sie.
„Diese Hure von Straßenbahn ist schuld. Bin gegen eine Stange gelaufen.“
„Matla, Matla, Matla…. äh, warum siehst du mich so seltsam an?“
„Ich schau nur was. Dreh dich mal um.“ Sie dreht sich um.
Ich sage: „Will nur sehen, ob du ein totes Tier in den Haaren hast. Du riechst nach Tod und Verwesung.“
Und weg ist sie. Endlich Ruhe und Bier.

Ich aas:
1 Käsekornspitz
1 Krapfen von Anker

Zweifach-Noseland-EKG

„Wo sind die Nutten?“, eröffnete der königliche Zinken Bruno Schlatter, bevor er mir noch die Hand geschüttelt hatte – meine Checkliste war ihm also bekannt.
„Hier hast du mal ein Bier, Alter“, antwortete ich und freute mich über die großartige Nase.
Wir waren uns auf Anhieb sympathisch, ja, soviel steht fest: zwei leuchtende Herrscher, den Göttern gleich (und doch dem Teufel nicht unähnlich), geliebt und angebetet von ihren Untertanen, das Volk, es folgt den Erlauchten treu und ergeben in die Dunkelheit, die da kommen mag. Siehe! Unsere beiden beherzten Helden, heroisch, Kämpfer!, wild im Sturm des Lebens und leblos im Tod: Bruno Schlatter, der König von Noseland, die Nase der Nasen, umringt von Ministern, und Augustin Matla, Gottvater in Umamatlarumma, Herrscher aus dem Weltall, umringt von Bauchfett.

Noch ein kleines Speichelschmeichelschleimgedicht des göttlichen Barden:

Das Gipfeltreffen der beiden
trägt Früchte nicht bescheiden.
Das Video wird gemacht
und viel dabei gelacht.
Denn eines weiß man ja vom Schlatter:
den Schmäh und den Witz dafür hat er!

Ich aas:
2 EKGs
1 Apferl

Gedankenkäse

Ja, vor diesem wunderbar monströsen Stück Emmenthaler bin ich nun einige Zeit gesessen. Wie’s dazu kam?
Am Vormittag latschte ich zur Bäckerei – bevor die Sonne noch meine Strasse erreicht haben würde. Spazierte ins Geschäft und da stach mir sofort dieses Stück Käse ins Auge.
Ich sagte: „Eine Dose Bier und den Käse da, bitte.“
„Das ganze Stück?“
„Ja.“
Die Chefin wog den Käse, tippte auf ihrer alten Kassa alles ein und nannte mir den Preis. Soviel hatte ich nicht mit.
„Macht nichts, Herr Matla. Bringen Sie mir den Rest einfach nächstes Mal mit.“
So verzog ich mich wieder nach Hause. Ausgebrannt und doch reich.
Daheim packte ich das gewaltige Stück Emmenthaler aus und setzte mich mit ihm gemeinsam ans Fenster. Ich drehte den Käse in alle Richtungen, beobachtete dabei die Veränderung des glänzenden Lichts. Dann fühlte ich die Temperatur des Klumpens mit meiner rechten Wange und schließlich setzte ich mich eine Zeit lang darauf, um zu sehen, wie hart oder weich Käse wirklich war.
Nachdem die materielle, die feststoffliche Seite des Käses ausgiebigst untersucht war,  machte ich mich an die metaphysischen Problemstellungen. Wie war mein Verhältnis zu dem Käse, was war seine Daseinsberechtigung, was war der Sinn dahinter?
Zuletzt ließ ich den Emmenthalerziegel auf den Boden fallen. Mehrere Male. Der Käse verursachte deutlich sichtbare Abdrücke am Boden.
„Siehst du, Matla?“, dachte ich mir, „Der Käse hinterläßt Spuren. Tust du das auch?“
„Nur wenn du aus dem fünften Stock springst.“, sagte der Andere.

Ich aas:
1 Stück Käse